American Horror Story

AMERICAN HORROR STORYDrei Worte zur Beschreibung zu Beginn: Wow. WTF. Puh.
Wow, weil: Endlich eine Horror-Serie, die was kann. WTF, weil: Die Show ist seit langem das WTFigste, was ich gesehen habe. Puh, weil es schwierig wird, alles hier abzuhandeln. Fangen wir inhaltlich an, das ist (zumindest auf einem oberflächlichen Niveau) wohl am einfachsten.

Ben und Vivien Harmon ziehen samt Tochter Violet in eine Villa nach LA. Nachdem Vivien eine Fehlgeburt und Ben eine Affäre mit einer Studentin hatte, wollen sie mit einem Neuanfang ihre Familie retten. Was nur wir dank ausführlicher Einleitung wissen: Das Haus wird von einer fiesen Albinogestalt bewohnt, die zwei Jungs auf dem Gewissen hat. Als Familie Harmon vom Haus als Doppelsuizidschauplatz erfährt, beschließt Tochter Violet den Einzug kurzerhand trotzdem. Abenteuer und so.
Es folgt eine Horrorgeschichte wie aus dem Bilderbuch, in der die Eltern wieder zu sich, die Tochter neue Freunde findet und an jeder Ecke feurige Situationen warten.

Erinnert ihr euch noch an »Harper’s Island«? Die Mini-Serie startete 2009 unter der Prämisse, dass es ein Horror-Mystery sei, der uns den Atem rauben würde. Nach ein paar wenigen Episoden, billigen Schockeffekten und Discount-Mysterydrämchen war das Zuschauerinteresse ausgebrannt. Es war lahm.

»American Horror Story« ist völlig anders. Viel besser.
Die Show ist spannend, hat vernünftige Schockeffekte und breitet in der Pilotepisode dermaßen viele Horror-Brandherde aus, dass man noch gar keine Schimmer hat, wie die denn mit einander verknüpft sein könnten. Und jeder von ihnen ist auf seine Art äußerst creepy.

Ich bin bei weitem kein Experte auf dem Gebiet des Horror-Genres. Aber trotzdem habe ich schon einige Filme daraus gesehen. »American Horror Story« kann nicht nur mit vielen von den Großleinwandproduktionen mithalten, ich wage zu behaupten, die Serie ist sogar besser als die meisten. Sie ist dermaßen durchdachtes und perfekt produziertes Schockerschauen, dass es fast gruselig ist. Etwas übertrieben, könnte man sagen, dass »American Horror Story« ein riesiges Horror-Mash-Up ist. Beispiele gefällig? Wir haben ein haunted Haus, schrecklich verunstaltete Horrorgestalten im Keller, spannungshafte und aufbauende (suspense) Musikuntermalung, schnelle Schnitte mit Kamerabildern aus erwartungsvollen und Nah-Dran-Perspektiven, vielschichtig böse und andeutungsvolle Charaktere, Schlafwandel, ein blindes Auge, das Motiv Feuer und Verbrennung, Amoklauf, Selbstzerstörung.
Und alles ist hervorragend umgesetzt, im Sinne des Genres. Manchmal ist es too much, aber ich denke, das ist den Autoren vollständig bewusst und stellt eine Überspitzung, ein Austesten dar.

Überhaupt: Die Autoren. Die Show ist von Ryan Murphy und Brad Falchuck. Sagt euch nichts? Die haben erst »Nip/Tuck« gemacht. Dann »Glee«. Und jetzt parallel »American Horror Story«. Ein ganz schön vielschichtiges Portfolio. Aber man merkt die einzelnen Vorgängershows. In (dem meiner Meinung nach zu wenig beachteten) »Nip/Tuck« haben sie krasse Storys ausprobiert. Das fing an mit der Musik während der Operationen und steigerte sich im Lauf der Show zu Scientology und Aufträgen für Drogenschmuggler. Bei »American Horror Story« fiel es mir in der Szene auf, als Mann und Frau über das verlorene Kind und die Affäre intensiv streiten und kurz danach Sex haben. Überhaupt Sex und Erotik: das Motiv ist auch aus Nip/Tuck übernommen. Wie das In-Szene-Setzen zum Geschichtsfluss beitragen kann, und wie man es perfektioniert, haben Murphy und Falchuck in Glee gezeigt – bei »American Horror Story« gab’s ein großes Déjà-vu als Tate als Amoklaufskelett durch die Schulflure läuft.

Kommen wir noch mal kurz zum Eingangs erwähnten »WTF«: WTF! Wie viele creepy Gestalten kann man in 50 Minuten Serie unterbringen?! Und das doppelgedarstellerte Hausmädchen?! Die Nachbarin?! Uff.

»American Horror Story« ist spannend, böse, erschreckend, tiefgründig, bescheuert – kurz: durch. In a positive manner.

Ich bin froh, dass es endlich mal eine Serie geschafft hat, das Horror-Genre in einen Wochenrhythmus zu gießen. Und dann direkt so.
Ich bleibe dran.
Eines allerdings deckelt die Horrorbegeisterung: »American Horror Story« wird es nach diesem Start verdammt schwierig haben, das weiter zu führen. Wenn ich so drüber nachdenke, kann die weitere Serie eigentlich nur enttäuschen. ODER?

→ »American Horror Story« bei TVRage
→ Trailer

(Ich entschuldige mich für dieses lange Review. Ein tl;dr sähe ungefähr so aus: AHS ist inhaltlich wtf-ig/ordentliche, handwerklich hervorragende Umsetzung einer Horrorgeschichte für’s TV.)

CyberChimps