Boss

Boss»Boss« begleitet Kelsey Grammer als Bürgermeister Tom Kane von Chicago. Und das tut sie hautnah.

Mit einer Art Prolog startet die Serie, wie Kane in einem kühlen Lagerhaus die Nachricht einer Ärztin überbracht bekommt, dass er noch drei Jahre zu leben hätte. Bis dahin wird es kontinuierlich mit seinem Körper und seiner Psyche bergab gehen. Einen Vorgeschmack davon, wie das aussieht, kriegen wir im Folgenden mit, als Kane einen der Stadtbeschäftigten in seinem Büro gewaltsam zusammenscheißt.
Kanes Welt dreht sich, wie könnte es auch anders sein, Vollzeit um politics. Intrigen, Fadenscheinigkeit, Taktik – alles im Namen der Stadt und des Büros des Bürgermeisters. Nebenbei gibt es noch Frauen, Töchter und Nachfolger, die das politische Potpourri komplettieren.

Inhaltlich ist die »Boss« nicht herausragend, aber gut. Wer politisches Taktieren und die Luft der Führung einer Stadt mag, der wird hier gut aufgehoben sein. Die dramatisch-tragödische Gestalt des Bürgermeisters, nach Außen ein Hard-Liner, der alles anpackt, im Privaten ein Mann mit Angst vor Schwäche. Reizvoll.

Herausragend macht die Pilotepisode aber etwas anderes: Der Regisseur. Die Folge wurde gedreht von Gus Van Sant, dem Mann u.a. hinter »Milk«. Und der bringt seinen persönlichen Stil mit, treibt ihn sogar noch etwas weiter. Die Hautnah-Begleitung des Bürgermeisters setzt Van Sant in der Kameraarbeit drastisch um. Etliche Close-Ups, besonders vom Bürgermeister, aber auch von allen anderen, wichtigen Figuren und Schauplätzen. Manchmal sogar Bilder, die aus einer Makroaufnahmen-Studie kommen könnten. Selbst die seltsame Sex-Szene im Treppenhaus besteht bis auf den letzten Shot nur aus Ganznahdran-Bildern.
Wir sind nicht nur hautnah dran, wir fühlen hautnah mit. Natürlich muss auch die Schauspielerriege für so einen technischen Kniff gemacht sein. Aber das ist hier kein Problem. Besonders Kelsey Grammer. Der wird beim Überbringen der Nachricht über seine Krankheit und in den darauf folgenden Szenen nicht aus der Linse gelassen. Die ersten fünf Minuten, bis zur Rede, sehen wir Grammers Minenspiel konstant in Nahaufnahme. Wir versuchen zu fühlen, wie dieser Mann so kalt bleiben kann, um dann endlich, fast einer Erleichterung gleich, im Auto hinter die Fassade des Bürgermeisters zu blicken.

Das ist handwerklich ein starkes Stück. Die teils beklemmende, immer emphatische (oder gerade nicht emphatische) Atmosphäre, die durch die Kameraarbeit mitgebracht wird. Puh.
Ich denke nicht, dass wir das auch in den weiteren Episoden zu sehen bekommen. Inhaltlich bin ich mir auch nicht sicher, ob mich dieser Politikkram langfristig begeistern kann.
Aber die Pilotepisode, die war großes Kino.

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→ Trailer

CyberChimps