Elementary

Nachdem er aus der Entzugsklinik entlassen ist, kehrt Protagonist Sherlock Holmes Scotland Yard den Rücken und lässt sich in New York City nieder. Das Programm des Genies dort gegen den Rückfall: Verbrechen für die New Yorker Polizei aufklären. Allerdings lässt das sein Vater nur unter einer Bedingung zu — er muss den Tag mit einem sober companion, einer Art Nüchternbewährungshelfer, verbringen. Diese Aufgabe übernimmt Dr. Joan Watson. Bis vor kurzem noch erfolgreiche Chirurgin, jetzt unterwegs zwischen Süchtigen auf Heilungssuche.
In ihrem ersten Fall beschäftigen sich Holmes und Watson mit einem Raub, der zu einem Mord wurde, psychisch Kranken und zwielichtigen Psychiatern. Holmes Lösungsmethoden sind dabei immer scharfsinnig und intelligent, aber alles andere als konventionell.

In »Elementary« wird der über einhundert Jahre alte Detektiv Sherlock Holmes samt seines Partners Dr. Watson in die Gegenwart geholt. Dort ermittelt er als freier Berater der Polizei. Dank seines leicht autistischen Seins mit hoher Intelligenz, sozial schwerverträglich, aber immer geniehaft allen drei Schritte voraus. Merkt ihr was? Die Beschreibung trifft nicht nur auf »Elementary« zu, viel eher auf die großartige BBC-Serie »Sherlock«, die zum letzten Jahreswechsel ihre zweite Staffel beendete. »Elementary« ist nicht direkt eine amerikanische Adaption des Sir-Arthur-Conan-Doyle-Stoffs, die Serie ist vielmehr eine amerikanische Adaption der britischen Modernisierung des Sir-Arthur-Conan-Doyle-Stoffs.
Von britischer Seite ließ man verlauten, die CBS-Leute wären wegen einer Adaption auf sie zu gekommen, hätten allerdings versichert, dass man das ganze Thema völlig anders anpacke, als es die BBC tue. Die »Sherlock«-Produzenten wollten aber genau hinschauen, ob nicht ihr Copyright verletzt würde.
Und?
»Elementary« ist anders als »Sherlock«. Die Grundidee und die Art, wie der Charakter Sherlock Holmes in die Moderne übertragen wurde, das ist gleich. Aber alles andere ist eigener. Amerikanischer.

Johnny Lee Miller spielt die Hauptrolle. Und da fangen die Unterschiede schon an. Der ist gar nicht so der Geek, der Holmes eigentlich ist. Er hat Tattoos, Muskeln, einen Drei-Tage-Bart und ein seltsames Sex-Problem. Neben dem hübschen Hauptdarsteller gibt’s die hübsche Hauptdarstellerin. Lucy Liu als Holmes. Und das ist wirklich mal ein Spin. Kein pragmatischer, intelligenter, etwas kleinkarierter Sidekick männlicher Natur, sondern eine ehemals erfolgreiche Frau, die durch ihren Babysitting-Job versucht, ihre eigenen Probleme zu vermeiden. Wie wir aber auch herausfinden: Auch Watson ist intelligent und der scharfsinnigen Deduktion à la Holmes mächtig.

Ich mag nicht zeilenweise die beiden Serien auseinander nehmen. Es gibt noch viel mehr Unterschiede — aber auch einige Gemeinsamkeiten. Kurz: »Elementary« nimmt die Grundidee von »Sherlock«, amerikanisiert sie, packt ihren eigenen Spin drauf und macht sie etwas massentauglicher. Denn »Elementary« versucht zwar an das Tempo von »Sherlock» heran zu kommen — schafft das trotz aller schnellen Dialoge aber nicht. Da ist die BBC-Version komplexer.

Sonst? Der erste Mordfall war etwas weit hergeholt, aber nicht schlecht und mit gutem Bösewicht. Das Sherlock-holmesige Miträtseln hat sogar funktioniert. Miller hat bei mir seit »Eli Stone« sowieso ein Stein im Brett (macht seine Sache aber auch hier hervorragend), Liu war zwar ungewohnt aber (leider) gar nicht so schlimm, wie gedacht. Gut produziert ist’s auch.

Es spricht also nicht’s dagegen: »Elementary« ist eine gute Krimiserie, die ihren speziellen Anreiz aus zwei sozial schwierigen, aber intelligenten Hauptfiguren nimmt.
Anschauen.

→ »Elemenatry« bei TVRage und in der Wikipedia
Trailer
→ Metacritic-Score: 72

(Disclaimer: Ich habe Sherlock Holmes nie gelesen. Nur die britische Serien gesehen. Achja: Die Analyse des Vorspanns, in dem man den aktuellen Mordfall sieht, habe ich mal übersprungen. Ich find’s nicht schlecht. Glaube ich.)

CyberChimps