Sense8

Sense8 auf Netflix
Acht Menschen aus aller Welt entdecken plötzlich, dass sie miteinander verknüpft sind, in die Sinneswelt der anderen eintauchen und sich gegenseitig helfen können: Da singt der Kleinganove in Berlin Karaoke mit der Inderin in Mumbai, ruft der junge Afrikaner die Kampfsportfähigkeiten der Koreanerin ab und sieht der Polizist in Chicago die Londoner DJane im Spiegel. Und dann schwirrt da noch Naveen Andrews‘ („Lost“) Jonas um die acht Fremden herum und versucht, sie auf den richtigen Pfad zu leiten.

Welcher das ist, kann ich auch nach vier Folgen noch nicht sagen. „Sense8“ ist eine Netflix-Produktion und als solche zum Binge-Watching gleich in Gänze online gestellt worden. Die Idee der psychischen Verbindung der Sinne ist eine spannende und ich beobachte gerne, was Netflix versucht, mit dem Science-Fiction-Genre zu machen.

Leider gibt es viele Dinge, die mich an „Sense8“ stören: Die Serie über die Sinne ist für meine Sinne ziemlich anstrengend. Die Handlung ist durch die acht Hauptfiguren an sich schon sehr zerstückelt. Es dauert lange, bis man mal in die Welt einer Figur länger als eine Minute eintauchen kann; gerade die erste Folge reicht da nicht aus, um auch nur ansatzweise eine Vorstellung der Charaktere zu bekommen.

Hinzu kommen die ständigen transzendentalen Begegnungen, wenn einer der „Sensates“ den anderen im Geiste besucht. Diese Begegnungen werden mit schnellen Schnitten umgesetzt. Man muss ganz schön aufmerksam sein, um nicht den Überblick zu verlieren, was Realität und was eine Sinnestäuschung oder -erweiterung ist. Dieser Stil ist zumindest in den ersten Folgen der Kern der Serie, wenn die bis dahin Fremden ihre neuen Fähigkeiten langsam entdecken.

Diese Fremden, acht an der Zahl, sind natürlich das eigentliche Zentrum und sie wirken ein wenig, als hätten die Macher von „Sense8“ Diversity bei Google eingegeben und die Charaktere entsprechend zusammengestellt: Es gibt genauso viele Männer wie Frauen, alle Kontinente sind vertreten, verschiedene Ethnien, eine transsexuelle lesbische Frau, ein Schwuler – nur beim Alter klappt das mit der Ausgewogenheit nicht, die acht sind nämlich alle Thirtysomething. Aber auch ansonsten ist alles dabei, um bloß für jeden einen Identifikationspunkt zu schaffen: die unterdrückte Businessfrau, die verrückte DJane, der sensible Schauspieler, der heldenhafte Cop, der moralische Kleinganove (natürlich der Russlanddeutsche…) usw. Normalerweise würde ich die Diversität feiern, wenn sie nicht so furchtbar forciert wirken würde.

Und noch was, das sich nicht richtig anfühlt: Ob Nairobi oder Berlin, Seoul oder Mexico City, alle Charaktere sprechen die ganze Zeit Englisch, mit teils so starkem Akzent, dass ich tatsächlich die Untertitel angeschaltet hatte. Wenn sie schon in so vielen Ländern drehen, warum erstreckt sich die Ambition der Serienschöpfer dann nicht auf die Sprache? Wo wäre das Problem gewesen, mit Originalsprache und Untertiteln zu arbeiten? Zu verwirrend vermutlich, wenn der Rest von „Sense8“ schon so ein Mindfuck ist… Mich irritiert es jedenfalls fürchterlich, Max Riemelt mit seinem Gangsterkollegen die ganze Zeit Englisch sprechen zu hören. Oder dass in Nairobi dann zwischendurch doch immer wieder andere Sprachen zu hören sind. Oder wie die Freundin mit starkem indischem Akzent äußerst verwundert fragt, wieso Sensate Kala plötzlich auf Englisch singe. Das passt einfach nicht zusammen. Gerade weil Serien wie „The Americans“ oder vor Jahren bereits „Lost“1 erfolgreichen bewiesen, dass authentisches Sprechen kein Hindernis für den Erfolg einer Serie sein muss.

Das sind eine Menge Unstimmigkeiten, die „Sense8“ nicht zu dem Kracher machen, den ich nach dem Trailer erwartet hatte. Andererseits – und deswegen bin ich weiter dabei – gelingt es der Serie, trotz der Kürze der einzelnen Geschichten die Charaktere beeindruckend vielfältig zu präsentieren und Sympathien zu erzeugen. Das hat sicherlich auch damit zu tun, dass die Figuren sehr klar und stereotyp geschrieben sind und ihre Geschichten mit dem Zaunpfahl winkend die tieferliegenden Ängste offenlegen.

In dieser Serie dürfte schnell jeder seinen Helden finden – das ist die Stärke und gleichzeitig große Schwäche von „Sense8“. Spannend dürfte es werden, wenn aus den acht Fremden tatsächlich Verbundene und Verbündete werden und das vielfältige Ensemble die Gelegenheit zur Interaktion bekommt. Darauf freue ich mich und deswegen schaue ich jetzt weiter, solange sich die Sonne eh versteckt.

→ „Sense8“ in der Wikipedia und bei TVRage
Trailer
→ Tomatometer: 68%, Metacritic-Score: 63


  1. Apropos „Lost“: Wie lustig ist bitte, dass eine Koreanerin namens Sun von Sayyid (Naveen Andrews) gementored wird? 

3 Gedanke zu “Sense8

  1. Sehr schön zusammengefasst liebe Caro. Gerade das mit der Sprache ist wirklich verwirrend. Und ich mag mich nicht an diesen Gangster in Berlin gewöhnen. Ein russischer Mafioso namens Wolfgäng? (NSFW ich kriege diesen Strap-on-Dildo nicht aus meinem Kopf)

  2. Du hast ja gar nicht die Wachowskis erwähnt! Und Straczynski! Dass ein solch auf-dem-Papier-tolles Projekt auch noch von solchen Geistern stammt, macht die Sache doch noch dramatischer…

    Außerdem: Die einzelnen Geschichten sind im Sinne der Protagonisten erzählt, oder? Die Storyline um den Mexikaner Rodriguez ist doch bewusst im Tele-Novela-Stil gehalten, oder? ODER?!

  3. Pingback: Muttersein als Schwäche und worum es bei "Game of Thrones" wirklich geht - Serienkram

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