The Americans

The AmericansDie 80er. Graue Gebäude mit braunen Inneneinrichtungen; Hosen, die über den Bauchnabel gehen; Frisuren, groß für zwei; Michael Jackson ist die Welt, Whitney Housten will mit jemandem tanzen. Reagan ist US-Präsident, das amerikanische Weltraumprogramm in (letzten) vollen Zügen. Nebenbei befindet man sich im kalten Krieg mit der Sowjetunion.
In dieser Welt sind Elizabeth und Phillip Jennings zu Hause. Mit ihren beiden Kindern leben sie in einem Washingtoner Vorort. Eigenheim, zwei Autos. Ganz so, wie es dem amerikanischen Traum gebührt.
Einen kleine Unterschied zu ihren Nachbarn gibt‘s aber. Elizabeth und Phillip sind russische KGB-Agenten. Schon seit fünfzehn Jahren leben sie in »deep cover«, also so richtig undercover, als Ehepaar in Amerika und spionieren für den vaterländlichen Geheimdienst die Politiker der Hauptstadt aus. Ihre Kinder wissen von nichts und wachsen als normale Amerikaner auf. Mit westlichen Werten und Ansichten — sehr zum Missfallen der Eltern.
In der ersten Folge kümmern sich die Jennings gerade um einen übergelaufenen KGB-Agenten, der die Amerikaner gegen Geld (drei Millionen Dollar, ca. neun Millionen 2012-Dollar) mit Informationen versorgen soll. Das kann der russische Geheimdienst natürlich nicht passieren lassen. Und so findet sich der Verräter schon bald im Kofferraum der Familienkutsche. Und in der Garage des Hauses — die Entführung hat nämlich so sehr die US-Regierung aufgewirbelt, dass es für das Agentenpaar zu gefährlich ist, den Überläufer an eine russische Autorität abzugeben.
Spannend wird der Umstand, wenn die Jennings ihren neuen Nachbarn kennenlernen. FBI-Agent Stan Beeman, kommt gerade aus drei Jahren Deep-Cover-Arbeit, wird teil der FBI-Anti-Spionage-Einheit und ist privat auch ziemlich misstrauisch.

In »The Americans« verfolgen wir die beiden Hauptdarsteller bei ihrer alltäglichen Spionagearbeit, bei ihren Intrigen und Manipulationen — ganz so, wie wir es aus etlichen Spionagethrillern lieben. Aber die Show verliert keinen Augenblick, um uns eine tieferliegende Schicht zu zeigen: Die Persönlichkeiten, die unter der kühlen Patriotenschicht liegen. Denn so voller Überzeugung, wie Elizabeth und Phillip für ihr Vaterland auskundschaften, betrügen und steuern, so unsicher darüber werden sie im Laufe der Zeit. Amerika schleicht sich in ihren vaterländlichen Geist — Amerika, mit all den Möglichkeiten, der Selbstverwirklichung, dem Stolz, den Triumphen; den Malls. Der kalte Krieg, West gegen Ost, personifiziert im Ehepaar. Auf der einen Seite der Ehemann, der sich schon fast als US-Amerikaner fühlt und dessen Westinfektion fortgeschritten ist; Auf der anderen Seite seine Ehefrau, die noch völlig zwischen Rolle und ihrer reellen Person trennt und von ganzem Herzen UdSSR‘lerin ist.

Mir gefällt es, die Kalte-Krieg-Historie in einer unterhaltsamen Geschichte erzählt zu bekommen. Einen Einblick, wie es damals lief. Das spannende, romantisierte Agentendasein. Natürlich bedient sich Showmacher Joe Weisberg der üblichen dramaturgischen Kniffe, wenn es an Nacherzählungen wahrer Begebenheiten geht (Komprimierung, Zufälle, Personifizierung) — aber mich stört das nicht. Im Gegenteil: Die Projektion eines Staaten-involvierenden Konflikts auf zwei Personen gefällt mir hervorragend. Die Charaktere sind vielschichtig, in spannenden Kämpfen auf multiplen Ebenen (US-Staat, UdSSR-Staat, FBI, gegenseitig, sich selbst) und super gespielt. Gefällt.

»The Americans« basiert auf dem Ring russischer Agenten, den das FBI 2010 hat auffliegen lassen. Elf Menschen lebten, teils als Ehepaar, für Jahrzehnte deep cover in Amerika. Und berichteten fleißig an Russland. Sie nutzten falsche Papiere, trafen sich anonym in Cafés und gaben sich mit Sätzen zu erkennen, die einen Film instantan in die Unglaubwürdigkeit verfrachten würden. Das Times-Magazin in einer Hand: Achtung, Gefahr! — das Magazin in zwei Händen: Alles klar, good to go! Fast zehn Jahre beschattete das FBI die Agenten, überwachte sie und gab sich selbst als Mitspion aus. Und das, Jahre nach dem kalten Krieg.
Weil das alles zu bescheuert klingt, als dass das in unserer modernen Zeit überhaupt passieren könnte, hat Weisberg kurzerhand das Setting in die 80er verlegt. Da fühlte sich der Stoff besser platziert an. Er unterhielt sich mit Kalter-Krieg-Spezialisten, wühlte Aufzeichnungen von damals, verquirlte alles mit dramatischer Überspitzung — und, zack, »The Americans«.

Mir gefällt‘s gut! Das Tempo ist schnell und ruhig zugleich, die Schauspieler liefern gute Arbeit. Am meisten gefällt mir die Geschichte, »Kalter Krieg« hatten wir noch nicht. Und auch über das Grundmotiv hinaus gibt es genug Geschichts-Foreshadowing, das »The Americans« noch über viele Folgen interessant bleiben sollte.
Angucken!

→ »The Americans« bei TVRage und in der Wikipedia
Trailer
→ Metacritic-Score: 77
→ Hintergrund zu den 2010er russischen Agenten: Wikipedia, Times-Magazin (Achtung! Hängenbleibgefahr!)

3 Gedanke zu “The Americans

  1. Was mir auch gut gefallen hat ist die Produktionsästhetik im 80er Stil, mit den lens-flares, auto-gain was das Rauschen in Pausen zwischen dem Sprechen lauter dreht, und nicht zu vergessen dem Soundtrack. Ein Bisschen wie 80er Fernsehen in HD.

    • Ok, Thomas, da muss ich beim nächsten Mal genauer drauf achten. So ein genereller 80er Flair ist mir aufgefallen, aber quantifizieren konnte ich das nicht so richtig (bis auf die Kostüme und Kulissen…).

      • Ja schau mal, vielleicht hab ich es mir auch nur eingebildet, aber ich hatte das Gefühl da haben sie sich echt mühe gegeben.

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